In unserem Job als Konferenzdolmetscher gibt es immer ein Risiko: Man sitzt in der Kabine, der Sprecher ist jung, dynamisch und wirft plötzlich mit Begriffen um sich, die in keinem Wörterbuch stehen. Sprache verändert sich heute nicht mehr über Jahrzehnte, sondern im Takt von Social-Media-Trends. Deshalb war ich extrem gespannt auf „Algospeak“ von Adam Aleksic. Ein ganzes Buch über die codierte Sprache, mit der User die Zensur-Algorithmen von TikTok und Instagram austricksen? Das klang nach einer Pflichtlektüre für Konferenzdolmetscher.
Nachdem ich die Hälfte des Buchs gelesen habe, muss ich allerdings sagen: Ich bin ernüchtert und lasse es liegen.
Ein spannendes Konzept, das sich im Kreis dreht
Die Grundidee ist hochinteressant. „Algospeak“ beschreibt, wie Menschen Begriffe wie zum Beispiel „unalive“ statt „suicide“ verwenden, um nicht vom Algorithmus abgestraft zu werden. Aleksic, im Netz bekannt als @etymologynerd, hat hier eigentlich ein spannendes, hochaktuelles Thema gefunden.
Das Problem? Das Buch fühlt sich an, als hätte man ein paar wirklich gute TikTok-Skripte mit ganz viel heißer Luft auf 200 Seiten aufgeblasen. Es ist unheimlich repetitiv. Ich hatte beim Lesen mehrfach das Gefühl, mich aus Versehen in der Seite geirrt zu haben, weil dieselben Beispiele und Anekdoten über Aleksics eigenen viralen Erfolg immer und immer wieder durchgekaut werden. Der Schreibstil ist extrem kleinteilig (kurze Sätze, ständig neue Absätze). Fast so, als dürfe man die Aufmerksamkeitsspanne eines Smartphone-Nutzers bloß nicht überfordern. Für eine tiefergehende linguistische Analyse ist das sehr dünn. Würde ich Sterne vergeben, wären es nur wegen des interessanten Themas zwei von fünf.
Warum wir das Thema trotzdem ernst nehmen müssen
Auch wenn das Buch als solches schwächelt, ist das Phänomen dahinter für unseren Berufsstand essentiell. Wir können es uns schlicht nicht leisten, „Internet-Slang“ als Kinderkram abzutun.
Wenn ein CEO in einer Keynote über Unternehmenskultur plötzlich Begriffe aus dieser Welt nutzt, müssen wir die Transferleistung in Millisekunden erbringen. Dabei geht es nicht nur darum, das Wort zu kennen, sondern die Etymologie dahinter zu verstehen. Warum sagt er das jetzt so? Ist es ein ironisches Zitat? Ein Versuch, tiefgründig zu wirken? Oder ist der Begriff bereits so weit in den Mainstream gesickert, dass die ursprüngliche „Umgehung des Algorithmus“ gar keine Rolle mehr spielt?
Nur wer die Herkunft und den Kontext dieser Neologismen kennt, findet im Zieltext den richtigen Tonfall. Ohne das Verständnis für diese digitale Etymologie laufen wir Gefahr, entweder zu hölzern zu klingen oder die Nuance im schlimmsten Fall komplett zu verfehlen.
Mein Fazit
Man muss „Algospeak“ nicht gelesen haben, um mitreden zu können. Die Redundanz im Buch ist ermüdend und der Erkenntnisgewinn steht in keinem Verhältnis zur Lesezeit.
Trotzdem: Wir müssen linguistische Trends immer im Auge behalten. Wer als Simultandolmetscher in der Kabine bestehen will, muss wissen, wie die Welt draußen spricht. Auch wenn diese Sprache von einem Algorithmus diktiert wird. Für die fachliche Weiterbildung konzentriere ich mich aber auf eine gezielte Recherche in den sozialen Netzwerken selbst. Das ist aktueller, spart Nerven und macht im Zweifel auch mehr Spaß.
